Beziehung & Bindung

Freiheit, ja, aber …

Was Begehren, Bindung und Evolution über unsere widersprüchlichen Gefühle erzählen

Immer wieder höre ich von Menschen, dass sie sich für alternative Beziehungsformen interessieren – und zugleich, wie gross die Angst ist, einen geliebten Menschen zu verlieren, wenn sich eine Beziehung öffnet. Die Befürchtung lautet oft: Wenn ich dem Menschen, mit dem ich verbunden bin, erlaube, sich auch anderen Menschen zuzuwenden, könnte sich seine Liebesenergie dorthin verschieben. Vielleicht wird jemand anderes begehrenswerter, aufregender, leichter, neuer. Vielleicht entsteht eine neue Verliebtheit – und mit ihr die Gefahr, dass das, was bisher zwischen uns war, an Bedeutung verliert.

In den vergangenen Monaten habe ich mich intensiv mit zwei Büchern beschäftigt, die auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein könnten: The Ethical Slut von Dossie Easton und Janet W. Hardy sowie The Evolution of Desire von David Buss. Was mich dabei besonders beschäftigt hat, ist weniger die Frage, welches Beziehungsmodell das «richtige» ist. Vielmehr ist es die Spannung, die ich in Gesprächen mit Bekannten, aber auch mit meinen Klient:innen beobachte.

In meiner psychotherapeutischen Arbeit mit Paaren und Einzelpersonen erlebe ich, dass es nicht genügt, eine Grenze intellektuell oder philosophisch zu überwinden. Man kann sich sagen: Liebe ist kein Besitz. Begehren lässt sich nicht kontrollieren. Freiheit bedeutet, dem Gegenüber Möglichkeiten zu geben. Und all das kann wahr und zutiefst überzeugend sein. Trotzdem können die Ängste bleiben.

Genau hier liegt eine der interessantesten Spannungen zwischen unserem Denken über Liebe und unserem emotionalen Erleben. Wir können eine Idee verstehen, bejahen und sogar zu unserem persönlichen Ideal machen – und trotzdem reagiert etwas in uns mit Angst, Eifersucht, Verlustgefühl oder Konkurrenz.

Ich möchte diesen Beitrag mit einer Frage beginnen, die mich bei meiner Beschäftigung mit Liebe, Eifersucht und freieren Beziehungsformen besonders interessiert:

Warum tut es eigentlich so weh, und warum fühlt es sich bedrohlich an, wenn der Mensch, den wir lieben, einen anderen Menschen begehrt?

Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach: Weil wir Angst haben, diesen Menschen zu verlieren.

Aber wenn ich genauer hinschaue, scheint mir die Sache komplizierter. Denn manchmal verlieren wir ja gar nichts. Der Mensch, der uns so wichtig ist, liebt uns weiterhin. Die Person ist weiterhin da. Die Beziehung besteht. Vielleicht hat sich an der konkreten Bindung sogar überhaupt nichts verändert.

Und trotzdem kann allein der Gedanke, dass dieser Mensch einen anderen begehrt, etwas in uns auslösen, das sich beinahe existenziell anfühlt.

Plötzlich ist da Konkurrenz. Ein anderer Mensch betritt die innere Bühne.

Diese dritte Person kann zum Spiegel unserer eigenen Unsicherheiten werden. Ihr Auftauchen kann die Vorstellung erschüttern, im Begehren des Menschen, mit dem wir verbunden sind, einen unverwechselbaren Platz zu haben. Eifersucht berührt dann nicht nur die Angst vor dem Verlust der Beziehung, sondern auch unser Selbstverhältnis: Wenn du einen anderen Menschen begehrst, was sagt das über meinen Wert für dich aus?

Fast unwillkürlich beginnt zudem der Vergleich: Ist diese Person schöner? Aufregender? Sozial vernetzter? Sexuell interessanter? Hat sie mehr Ressourcen? Was macht diesen Menschen begehrenswert? Was hat er/sie, was ich nicht habe?

Die Evolution der Eifersucht

Hier beginnt für mich die Verbindung zu David Buss’ Buch The Evolution of Desire. Buss versteht Eifersucht als eine menschlich weit verbreitete, evolvierte Reaktion auf die Bedrohung einer bedeutsamen Beziehung. Damit gemeint ist artspezifische Fähigkeit des Menschen, auf mögliche Beziehungs- und Bindungsverluste mit Eifersucht zu reagieren.

Das wiederum bedeutet, dass ein so tief sitzendes Gefühl wie die Eifersucht in unserer Entwicklungsgeschichte einen evolutionären Vorteil bot. Buss geht von einer einfachen, aber weitreichenden Annahme aus: Für unsere Vorfahren war Partnerschaft nie nur eine emotionale Angelegenheit. Sie war eng mit Sexualität, Fortpflanzung, Elternschaft, Schutz, Ressourcen und langfristiger Investition verbunden.

Unsere Vorfahren waren über viele Generationen hinweg mit wiederkehrenden Herausforderungen konfrontiert: Mit wem gehe ich eine Partnerschaft ein? Wer ist besonders fruchtbar? Wer investiert in mich und mögliche Nachkommen? Wer bleibt, wer könnte mich verlassen?

Wenn bestimmte psychologische Mechanismen helfen, mit solchen Herausforderungen umzugehen, könnten sie über Generationen hinweg Teil unserer psychologischen Architektur geworden sein. Manche unserer heutigen Reaktionen könnten also ein Echo sehr alter evolutionärer Herausforderungen sein.

Ein zentraler Aspekt von Buss’ Theorie betrifft die unterschiedliche reproduktive Ausgangslage von Männern und Frauen. Menschen, die schwanger werden können, tragen Schwangerschaft und einen erheblichen Teil der frühen elterlichen Investition, während Männer historisch mit der Unsicherheit über die eigene Vaterschaft konfrontiert waren. Buss leitete daraus die Hypothese ab, dass Männer im Laufe der Evolution besonders sensibel auf sexuelle Untreue reagiert haben könnten. Für Frauen wiederum könnte der mögliche Verlust von Bindung, Zeit und Ressourcen einer Partnerperson an eine andere Person und deren Nachkommen eine besondere Bedrohung dargestellt haben.

Eifersucht ist demnach also nicht ausschliesslich Ausdruck persönlicher Bindungsmuster, Unsicherheit oder eines fragilen Selbstwerts. Sie kann auch als Teil eines sehr alten, zutiefst menschlichen Warnsystems verstanden werden.

Wenn ich das erkenne, kann ich sagen: Natürlich reagiert etwas in mir. Mein Gehirn weiss nicht, dass wir im Jahr 2026 leben, und bewertet gerade eine mögliche Bedrohung von Bindung. Das macht das Gefühl verständlich.

Was The Ethical Slut dieser Perspektive hinzufügt

Genau hier wird für mich The Ethical Slut von Dossie Easton und Janet W. Hardy wichtig.

Während Buss vor allem fragt, welche psychologischen Mechanismen sich unter bestimmten evolutionären Bedingungen entwickelt haben könnten, stellt The Ethical Slut eine andere Frage: Was machen wir mit unseren Gefühlen, Wünschen und Beziehungen, wenn wir die gesellschaftliche Vorstellung infrage stellen, dass Liebe grundsätzlich exklusiv sein muss?

Monogamie meint hier eine sexuell und romantisch exklusive Paarbeziehung. Konsensuelle Nichtmonogamie umfasst unterschiedliche einvernehmlich vereinbarte Beziehungsformen, etwa offene Beziehungen und Polyamorie. Bei einer offenen Beziehung sind meist sexuelle Kontakte ausserhalb der Paarbeziehung vereinbart; bei Polyamorie sind mehrere Liebesbeziehungen mit Wissen und Einverständnis aller Beteiligten möglich.

Das Buch fordert dazu auf, Beziehungsformen nicht einfach als selbstverständlich hinzunehmen, sondern bewusst zu gestalten. Es geht um Kommunikation, Konsens, Verantwortung, Ehrlichkeit und darum, die eigenen Gefühle ernst zu nehmen, ohne aus ihnen automatisch einen Anspruch auf den Menschen abzuleiten, mit dem wir verbunden sind.

Für meine Ausgangsfrage ist das entscheidend. Denn die Entscheidung für konsensuelle Nichtmonogamie beantwortet nicht automatisch die emotionale Frage, warum wir uns bedroht fühlen, wenn der Mensch, mit dem wir verbunden sind, tatsächlich einen anderen Menschen begehrt.

Sie verschiebt vielmehr die Verantwortung. Wenn Exklusivität nicht mehr selbstverständlich durch die gesellschaftliche Norm garantiert wird, müssen Partner viel bewusster darüber sprechen, was für sie Sicherheit, Verbindlichkeit, Freiheit und Loyalität bedeutet.

Die Freiheit besteht dann nicht darin, dass alles erlaubt sein muss. Sie besteht darin, dass die beteiligten Menschen ihre Beziehungen bewusster verhandeln können.

Synthese aus Evolution und Postmoderne

Wenn ich die Perspektiven von Buss sowie Easton und Hardy darauf beziehe, was es eigentlich so schmerzhaft macht, wenn sich das Begehren nicht allein auf mich richtet, wird klar, dass es dabei weniger um Sexualität selbst als um die Angst vor Austauschbarkeit geht.

Rational wissen wir natürlich, dass kein Mensch der einzige attraktive oder begehrenswerte Mensch auf der Welt sein kann. Und doch scheint die Liebe nach einer anderen Form von Gewissheit zu verlangen. Nicht unbedingt nach der Versicherung: «Es gibt niemand anderen.» Sondern nach dem Gefühl: «Was zwischen uns besteht, ist bedeutungsvoll und nicht beliebig austauschbar.»

Vielleicht liegt darin eine tragfähigere Form von Sicherheit. Eine, die nicht zwingend davon abhängt, dass der Mensch, mit dem wir verbunden sind, niemals einen weiteren Menschen begehrt, sondern davon, dass unsere gemeinsame Geschichte, unsere Intimität und die besondere Art, wie wir einander begegnen, einen eigenen Wert besitzen.

Einzigartigkeit muss nicht bedeuten, dass sich das Begehren ausschliesslich auf uns richtet. Sie kann auch bedeuten, auf eine Weise bedeutsam zu sein, die sich nicht einfach ersetzen lässt.

Und was machen wir nun mit der Eifersucht?

Angenommen, wir verstehen das alles und entscheiden uns nun dafür, grosszügig, frei und vertrauensvoll zu sein – werden aber dennoch von Eifersucht, Angst oder dem Wunsch überflutet, den Menschen festzuhalten, mit dem wir verbunden sind. Zwischen dem Menschen, der wir sein möchten, und dem, was wir tatsächlich empfinden, entsteht eine schmerzhafte Spannung.

Und genau hier treffen sich die beiden Bücher: Der Wert der Evolutionsperspektive liegt für mich darin, dass sie verständlich machen kann, weshalb Erfahrungen von Konkurrenz, Verlust und bedrohter Bindung eine Intensität entwickeln können, die unseren bewussten Überzeugungen widerspricht. Easton und Hardy erinnern daran, dass wir diese inneren Reaktionen nicht einfach als Schicksal hinnehmen müssen, sondern Beziehungen bewusst gestalten können.

Vielleicht lässt sich das Zusammenspiel so fassen: Evolution gibt uns mögliche Tendenzen. Biografie gibt ihnen eine persönliche Geschichte. Unsere Psyche gibt ihnen Bedeutung. Und Bewusstsein eröffnet uns einen Spielraum, wie wir damit umgehen.

Das Gefühl der Eifersucht kann in diesem Sinne zunächst als Einladung zur Selbstbegegnung verstanden und untersucht werden: Interessant, da ist Eifersucht. Was versucht dieses Gefühl, mir zu sagen? Vielleicht: Ich habe Angst, dich zu verlieren. Vielleicht: Ich brauche mehr Nähe, Sicherheit oder eine klare Vereinbarung. Vielleicht: Ich fühle mich nicht begehrenswert. Oder: Hier wird tatsächlich eine meiner Grenzen überschritten.

Dadurch bietet die neugierige Auseinandersetzung mit der Eifersucht eine besondere Chance zur Selbsterkenntnis. Dieses Gefühl zuzulassen, kann zunächst sehr verletzlich machen: Es bringt uns in Kontakt mit unseren Unsicherheiten, vermeintlichen Unzulänglichkeiten und tiefsten Ängsten – etwa der Angst, nicht zu genügen, nicht begehrenswert zu sein oder einen geliebten Menschen zu verlieren.

Gerade in dieser Vulnerabilität liegt jedoch ein grosses Entwicklungspotenzial. Indem ich mich diesem Gefühl zuwende, lerne ich in einem hochintensiven Moment, mich mit all meinen verletzlichen Seiten anzunehmen. Ich lerne, nicht unmittelbar reaktiv zu handeln, sondern innezuhalten und zu fragen: Was gehört zu meiner persönlichen Geschichte, zu alten Verletzungen oder zu evolutionär geprägten Reaktionsmustern? Was geschieht tatsächlich in der gegenwärtigen Situation? Und welches Bedürfnis steckt unter dem Gefühl?

Diese Klärung schafft Abstand zwischen Gefühl und Handlung.

Eifersucht kann dann – wenn sie ohne Vorwurf mitgeteilt wird – zu einem Moment tiefer Intimität werden. Indem ich meine Ängste, Unsicherheiten und Bedürfnisse ehrlich und verletzlich zeige, ermögliche ich eine tiefere zwischenmenschliche Begegnung: Ich werde sichtbar und kann gesehen werden.

In diesem Sich-Zeigen und Gesehenwerden liegt eine bedeutsame Dialektik: Indem ich mich einem anderen Menschen zeige, begegne ich auch mir selbst auf neue Weise. Das Gegenüber kann mir etwas zurückspiegeln, das ich allein vielleicht nicht sehen könnte.

So kann ich dem anderen Menschen näherkommen – und zugleich mir selbst.