Burnout & Selbstwert
Wenn das Ich im eigenen Glanz verbrennt: Warum Narzissmus ein blinder Fleck in der Burnout-Forschung war
Über narzisstische Persönlichkeitsmerkmale, Leistung und fragilen Selbstwert – und was eine Studie mit 723 Menschen über Burnout und Therapie zeigt.
Burnout wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig als Folge von Überlastung verstanden: zu viel Arbeit, zu hoher Zeitdruck, zu wenig Erholung. Auch die wissenschaftliche Burnout-Forschung hat lange vor allem die Arbeitsbedingungen und die Belastungen des beruflichen Umfelds in den Blick genommen. Gleichzeitig ist seit Jahren bekannt, dass Menschen auf vergleichbare Arbeitsbedingungen sehr unterschiedlich reagieren. Die Frage, welche Rolle dabei Persönlichkeitsmerkmale und individuelle Formen der Selbstregulation spielen, ist deshalb klinisch besonders interessant.
Genau hier setzt die Studie „Empirical evidence for a relationship between narcissistic personality traits and job burnout“ von Kathleen Schwarzkopf, Nathalie à Porta, Doris Straus, et al. an. Die Studie wurde 2016 in Burnout Research veröffentlicht und entstand aus einer schweizerischen interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen der psychosomatischen Medizin des Inselspitals Bern und der Universität Bern, der Clinica Holistica Engiadina in Susch, dem Institut für Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Bern, der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, der Universität Basel und der Klinik Barmelweid.
Untersucht wurden 723 Patientinnen und Patienten, die in den Jahren 2012 und 2013 stationär in einer auf arbeitsbezogene Stressstörungen spezialisierten Klinik behandelt wurden. Die Teilnehmenden waren zwischen 22 und 81 Jahre alt; 51,2 Prozent waren Frauen. Erfasst wurden unter anderem Burnout, narzisstische Persönlichkeitsmerkmale, depressive Symptome, Schlafqualität und wahrgenommener Stress. Die Untersuchung wurde von der zuständigen Ethikkommission des Kantons Zürich genehmigt.
Die zentrale Frage war dabei nicht, ob Menschen mit Burnout „narzisstisch“ sind. Vielmehr sollte untersucht werden, ob und in welchem Ausmass narzisstische Persönlichkeitsmerkmale mit Burnout zusammenhängen, und ob dieser Zusammenhang auch dann bestehen bleibt, wenn andere relevante Faktoren wie Depression, Schlafprobleme und wahrgenommener Stress berücksichtigt werden.
Die Falle des grandiosen Ideals
Aus klinischer Sicht ist dieser Zusammenhang besonders interessant. Arbeit kann weit mehr sein als eine Tätigkeit, mit der wir unseren Lebensunterhalt verdienen. Für manche Menschen ist sie ein zentraler Ort von Anerkennung, Identität und Selbstwert. Leistung wird dann nicht nur als etwas erlebt, das man erbringt, sondern als etwas, das den eigenen Wert bestätigt.
Bei ausgeprägten narzisstischen Selbstwertregulationsmustern kann diese Dynamik besonders bedeutsam werden. Anerkennung, Erfolg und das Gefühl, etwas Besonderes zu leisten, können eine wichtige Funktion für die Stabilisierung des Selbstwerts übernehmen. Gleichzeitig können Kritik, Misserfolg oder das Erleben eigener Grenzen besonders schmerzhaft werden.
Unter hoher beruflicher Belastung kann dadurch ein Spannungsfeld entstehen: Gerade dann, wenn der Körper und die Psyche nach Entlastung verlangen, kann der innere Anspruch lauten, noch mehr leisten zu müssen.
Die entscheidende Frage ist dann nicht nur: Wie viel arbeitet ein Mensch? Sondern auch: Was bedeutet es für diesen Menschen, nicht mehr leisten zu können?
In der klinischen Arbeit finde ich diese Frage besonders relevant. Hinter einem ausgeprägten Leistungsstreben begegnet mir nicht selten ein Mensch, dessen Selbstwert eng mit Kompetenz, Anerkennung und dem Gefühl verbunden ist, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Das macht die Situation ambivalent: Die gleichen Eigenschaften, die beruflich zu Erfolg beitragen können – Ehrgeiz, hohe Ansprüche, Durchsetzungsfähigkeit und der Wunsch nach Anerkennung –, können unter bestimmten Bedingungen auch zur Belastung werden.
Narzissmus sollte dabei nicht vorschnell mit Arroganz oder Selbstüberschätzung gleichgesetzt werden. Klinisch kann sich dahinter ebenso ein empfindlicher oder fragiler Selbstwert verbergen. Die äussere Sicherheit kann dann gerade deshalb so wichtig sein, weil innerlich die Angst vor Entwertung, Versagen oder Bedeutungslosigkeit besteht.
Blick in die Daten: 723 Patientinnen und Patienten
Die Ergebnisse der Studie geben dieser klinischen Beobachtung eine empirische Grundlage. Nach Kontrolle soziodemografischer Faktoren, depressiver Symptome, Schlafqualität und wahrgenommenem Stress erklärten narzisstische Persönlichkeitsmerkmale 3,5 Prozent der Varianz des gesamten Burnout-Wertes. Besonders deutlich war der Zusammenhang mit den Dimensionen emotionaler Erschöpfung und Depersonalisation: Narzisstische Merkmale erklärten 7,3 Prozent der Varianz der emotionalen Erschöpfung und 3,6 Prozent der Varianz der Depersonalisation. Mit der Dimension der verminderten persönlichen Leistungsfähigkeit zeigte sich hingegen kein signifikanter Zusammenhang.
Gerade dieser letzte Befund ist bemerkenswert. Die Dimension der verminderten Leistungsfähigkeit beschreibt unter anderem die subjektive Wahrnehmung, im beruflichen Handeln weniger wirksam oder kompetent zu sein. Dass narzisstische Persönlichkeitsmerkmale damit nach Kontrolle der anderen Variablen nicht signifikant zusammenhingen, wirft eine interessante klinische Frage auf.
Die Autorinnen und Autoren diskutieren, dass Menschen mit stärker ausgeprägten narzisstischen Merkmalen ihre eigenen Fähigkeiten möglicherweise überschätzen oder sich stärker mit einem idealisierten beruflichen Selbstbild identifizieren. Dadurch könnte eine tatsächliche Einschränkung der Leistungsfähigkeit weniger deutlich wahrgenommen werden. Wichtig ist jedoch: Dies ist eine Interpretation der Autorinnen und Autoren, kein direkt gemessener Nachweis einer „Verleugnung“.
Gerade diese Differenzierung finde ich klinisch spannend. Ein Mensch kann objektiv bereits stark erschöpft sein und sich dennoch subjektiv weiterhin als leistungsfähig erleben. Vielleicht entsteht hier eine paradoxe Situation: Die Erschöpfung nimmt zu, während das Selbstbild, leistungsfähig und kompetent sein zu müssen, unangetastet bleibt.
Wenn Leistung zum Selbstwert wird
Die Studie zeigt besonders deutlich den Zusammenhang zwischen narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen und emotionaler Erschöpfung. Die emotionale Erschöpfung gilt als zentrale Dimension des Burnout-Modells und beschreibt einen Zustand, in dem die emotionalen und körperlichen Ressourcen zunehmend aufgebraucht sind.
Aus psychodynamischer Perspektive lässt sich dieser Befund als Hinweis auf eine mögliche Selbstwertdynamik verstehen. Wenn Leistung wesentlich zur Stabilisierung des eigenen Selbstwerts beiträgt, kann eine Begrenzung der eigenen Leistungsfähigkeit nicht nur als praktische Schwierigkeit, sondern als Bedrohung des Selbst erlebt werden.
Dann reicht es möglicherweise nicht mehr aus zu sagen: „Du musst weniger arbeiten.“
Denn weniger zu arbeiten kann sich innerlich wie ein Verlust anfühlen: Verlust von Anerkennung, Bedeutung, Kontrolle oder Identität.
Die entscheidende therapeutische Frage wäre deshalb nicht allein, wie ein Mensch seine Arbeitszeit reduziert. Sie lautet vielmehr: Wer bin ich, wenn ich nicht mehr leisten kann, was ich von mir erwarte?
Hier wird die Bedeutung von Scham sichtbar. Hinter überhöhten Ansprüchen kann die Angst liegen, nicht zu genügen. Hinter dem Streben nach Anerkennung kann die Befürchtung stehen, ohne Leistung nicht wertvoll zu sein. Und hinter dem Festhalten an einem idealisierten Selbstbild kann die Schwierigkeit liegen, die eigene Verletzlichkeit anzuerkennen.
Damit eröffnet die Studie eine Perspektive, die über das klassische Verständnis von Stress und Überforderung hinausweist: Burnout könnte bei manchen Menschen auch mit der Art zusammenhängen, wie Selbstwert reguliert wird.
Zynismus als Distanzierung
Auch die Verbindung zwischen narzisstischen Merkmalen und Depersonalisation ist klinisch aufschlussreich. In der Burnout-Forschung bezeichnet Depersonalisation eine zunehmende Distanzierung von der eigenen Arbeit, die sich unter anderem in Frustration, innerer Distanz und Zynismus ausdrücken kann.
Die Autorinnen und Autoren diskutieren, dass diese Distanzierung bei Menschen mit ausgeprägteren narzisstischen Merkmalen möglicherweise eine Form der Selbstregulation gegenüber Kränkungen und Bedrohungen des Selbstwerts darstellen könnte. Auch hier handelt es sich jedoch um eine theoretische Interpretation und nicht um einen in der Studie nachgewiesenen psychischen Abwehrmechanismus.
Diese Überlegung finde ich dennoch hilfreich, weil sie den Zynismus in einem anderen Licht erscheinen lässt. Zynismus könnte nicht nur Ausdruck von Gleichgültigkeit sein. Er kann möglicherweise auch eine Schutzfunktion erfüllen: Wenn mich meine Arbeit enttäuscht, wenn Anerkennung ausbleibt oder wenn ich mich wiederholt nicht gesehen oder gewürdigt fühle, kann innere Distanz helfen, die eigene Verletzlichkeit weniger spürbar werden zu lassen.
Die Frage wäre dann nicht nur: Warum ist dieser Mensch so zynisch geworden?
Sondern auch: Wovor schützt ihn diese Distanz?
Was bedeutet das für die Therapie?
Die Studie liefert keine Grundlage dafür, Menschen mit Burnout pauschal eine narzisstische Dynamik zuzuschreiben. Im Gegenteil: Die Autorinnen und Autoren betonen selbst, dass weitere longitudinale und bevölkerungsbasierte Untersuchungen notwendig sind, um mögliche kausale Zusammenhänge zu klären. Die vorliegende Untersuchung zeigt einen Zusammenhang, aber nicht, dass narzisstische Persönlichkeitsmerkmale Burnout verursachen. Zudem wurde mit dem eingesetzten Instrument nur ein Teil des komplexen Konstrukts Narzissmus erfasst. Auch mögliche adaptive Formen von Narzissmus wurden nicht untersucht.
Für die klinische Praxis liegt der Wert der Studie deshalb weniger in einer neuen Diagnose als in einer Erweiterung des Blicks.
Wenn wir Burnout ausschliesslich als Folge äusserer Überforderung betrachten, können wir wichtige innere Prozesse übersehen. Eine Veränderung der Arbeitsbedingungen kann notwendig sein, aber möglicherweise nicht ausreichen, wenn der eigene Wert weiterhin eng an Leistung und Anerkennung gebunden bleibt.
Therapie bedeutet dann nicht, das „narzisstische Selbst“ zu zerstören oder ein vermeintlich „falsches Selbst“ aufzudecken. Eine solche Haltung wäre selbst wieder entwertend. Vielmehr geht es darum, die Funktion bestimmter Selbstwertstrategien zu verstehen.
Was ermöglicht dieses Streben nach Leistung?
Wovor schützt es?
Was würde geschehen, wenn die Person einen Fehler macht?
Was würde sie fühlen, wenn sie Hilfe braucht?
Und vielleicht die schwierigste Frage: Wer bin ich, wenn ich nichts leisten muss?
Gerade die Auseinandersetzung mit Scham scheint mir hier besonders bedeutsam. Scham macht die eigene Verletzlichkeit oft schwer zugänglich. Sie kann dazu führen, dass Menschen noch stärker versuchen, Kompetenz, Kontrolle oder Unabhängigkeit aufrechtzuerhalten. Therapeutisch kann es deshalb entscheidend sein, einen Raum zu schaffen, in dem Begrenztheit nicht als Versagen verstanden werden muss.
Die Entwicklung eines stabileren Selbstwerts bedeutet dann nicht, weniger ambitioniert oder weniger leistungsorientiert zu werden. Es geht vielmehr darum, den eigenen Wert von der permanenten Bestätigung durch Leistung zu entkoppeln.
Vom Funktionieren zum Sein
Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung dieser Studie. Sie zeigt nicht, dass Narzissmus die Ursache von Burnout ist. Sie zeigt vielmehr, dass Persönlichkeitsmerkmale bei Menschen mit Burnout eine relevante Rolle spielen können und dass narzisstische Merkmale insbesondere mit emotionaler Erschöpfung und Depersonalisation zusammenhängen. Der Zusammenhang war in dieser Untersuchung von einer ähnlichen Grössenordnung wie jener zwischen depressiven Symptomen und Burnout.
Für mich als Therapeutin öffnet sich damit eine weiterführende Frage: Was passiert, wenn ein Mensch seinen eigenen Wert über lange Zeit vor allem durch Leistung reguliert – und irgendwann nicht mehr leisten kann?
Vielleicht ist Burnout dann nicht nur eine Geschichte über zu viel Arbeit. Es ist manchmal auch eine Geschichte darüber, wie schwer es sein kann, sich selbst zu begegnen, wenn die gewohnten Quellen von Anerkennung und Selbstbestätigung versiegen.
Die therapeutische Aufgabe besteht dann nicht darin, den Menschen wieder möglichst schnell funktionsfähig zu machen. Sie kann vielmehr darin liegen, gemeinsam zu erkunden, was unter dem Funktionieren liegt: die Angst vor dem Versagen, die Sehnsucht nach Anerkennung, die Scham über die eigenen Grenzen und vielleicht auch die Erfahrung, dass der eigene Wert nicht jeden Tag neu verdient werden muss.
Denn vielleicht beginnt Erholung nicht dort, wo ein Mensch wieder mehr leisten kann.
Sondern dort, wo er zum ersten Mal erfahren kann, dass er auch dann jemand ist, wenn er nichts leisten muss.
Originalstudie
Empirical evidence for a relationship between narcissistic personality traits and job burnout. Burnout Research, 3(2), 25–33 (2016).